Spielmannszug
Chronik - "Die 90er II"
Leider, wie es im Leben nun mal so ist, bildeten sich im Laufe der Zeit kleine Grüppchen, die sich untereinander nicht mehr einig waren, zumindest was das musikalische Zusammenspiel betraf, sodass der Laatzener Spielmannszug im Oktober 1996 beschloss, ab 1997 wieder ohne Unterstützung anderer Spielmannszüge aufzutreten. Es folgte, wie sollte es auch anders sein, eine schwierige Saison 1997. Im Herbst 1997 legte Astrid Klattenbug die Stabführung nieder. Trotzdem sei ihr an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich für ihren Einsatz gedankt. Sie war 1991 unfreiwillig ins kalte Wasser geschmissen worden, sie hätte bereits 1993 mangels Resonanz den Spielmannszug auflösen können und hat sich dennoch unermüdlich mehr als fünf Jahre in verantwortungsvoller Position für den Fortbestand des Spielmannszugwesens in Laatzen eingesetzt. Danke Astrid!
Unter der Wahlleitung von Walter Schmalkuche wurde in der Spielmannszugversammlung vom 8. Februar 1998 Kirsten Merk, die fast auf den Tag genau seit drei Jahren bereits Astrids Stellvertreterin war, zur neuen Spielmannszugführerin gewählt. Und wieder einmal, wie schon beim letzten Führungswechsel, ging es in erster Linie darum Schadensbegrenzung zu betreiben. Gerade einmal acht (!) aktive Spielleute waren zur Spielmannszugversammlung erschienen. Kirsten übernahm aber trotzdem mit einer gehörigen Portion Freude an der Spielmannszugmusik die Leitung des Laatzener Spielmannszuges.
Zum Schützenfest 1999 sollte nicht nur das 95-jährige Jubiläum des Schützenvereins Laatzen begangen werden, auch die Ortsfeuerwehr Laatzen wollte mit uns gemeinsam ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Aus diesem Anlass wünschten sich die Feuerwehrkameraden die Durchführung des Großen Zapfenstreichs. Jetzt waren uns die freundschaftlichen Beziehungen, die sich im Anschluss an so manchen Festausmarsch im Schützenzelt aufbauen, eine gute Hilfe. Die Spielleute vom Spielmannszug Wülfel, die den Zapfenstreich perfekt beherrschen, erklärten sich auf Kirstens Bitte spontan bereit, den Festakt mit uns gemeinsam durchzuführen. Einiges Üben gemeinsam mit den Wülfeler Freunden gehörte natürlich schon dazu. Aus den Reihen der ehemaligen Laatzener Spielleute bekamen wir durch Marion Dimitriadis auch noch eine tolle Unterstützung als Solistin.
Und als der Große Zapfenstreich im Laatzener Park mit Hilfe der Wülfeler Spielleute unter der Stabführung unseres Ehrenstabführers Gerd Hoffmann zur Freude aller Zuschauer erfolgreich absolviert war, war auch alle Last und Anstrengung der letzten Wochen und Monate wie weggeblasen. Nach Aussagen des Schützenhauptmanns Heinz Krüwel war der gelungene Zapfenstreich noch wochenlang Laatzener Stadtgespräch. Aber auf diesem Ein-Tages-Erfolg durften und wollten wir uns nicht ausruhen...
Bei allen folgenden Schützenfesten, an denen der Schützenverein Laatzen teilnahm, war der Spielmannszug als musikalische Begleitung präsent. Die teilnehmenden Spielleute gaben stets ihr Bestes, aber die Stärke des Zuges war sicher längst nicht mehr mit dem zu vergleichen, was noch etwa zehn Jahre vorher das gewohnte Bild war. Auch die sich häufenden Nachfragen von Außenstehenden ("Wo sind denn Eure anderen alle...?") bestärkten uns nicht unbedingt!
Doch im September 1999 gab es eine aus meiner Sicht für den Fortbestand des Laatzener Spielmannszuges entscheidende Fahrt nach Brandenburg an der Havel.
Zur Erklärung muss ich etwas weiter ausholen: Die Kontakte zur Altstädtischen Schützengilde Brandenburg wurden geknüpft durch unseren Spielkameraden Georg Alexander Vogel, dessen letzter Standort während seiner aktiven Bundeswehrzeit Brandenburg an der Havel war. Im Jahre 1997 fuhren meines Wissens erstmals einige Laatzener Spielleute, damals noch mehr als Begleitung der Jungschützenabteilung, mit zum Königsschießen nach Brandenburg. Dieses Königsschießen wird immer im September ausgetragen mit anschließender Proklamation und Königsball im Brandenburger Schützenhaus. Dem Schießen voran geht ein Ausmarsch durch die Innenstadt von Brandenburg.
Und so standen wir nun am ersten Wochenende im September 1999 als kleine Abordnung des Laatzener Schützenvereins verstärkt durch einige Mittelfelder und Bemeroder Spielleute in Brandenburg und vor uns marschierten die "Pickelhauben" auf... Korrekt nennen sie sich "Brandenburger Spielleute Havel 21 e.V.", sind ein Zug mit über 30 Spielleuten und nehmen normalerweise an Landeswettstreiten usw. teil.
Doch heute, es war der 4. September 1999, kamen sie mit sechs (!) Spielleuten anmarschiert...!? Wieso, weshalb, warum: die "Pickelhauben" waren bereits irgendwo außerhalb bei einer Spielverpflichtung unterwegs und übrig geblieben war nur die "Kampftruppe".
Aber die zeigte uns sofort, was sie drauf hatte: Im preußischen Stechschritt marschierten sie uns voran und als sie dann noch (wie gesagt mit sechs Spielleuten) die "Grüße aus Dortmund" zweistimmig spielten, hätten wir am liebsten unsere Instrumente weggeschmissen... Gut, dass wir es nicht getan haben. Denn beim anschließenden gemütlichen Beisammensein im Brandenburger Schützenhaus wurde noch so einige Stunden gemeinsam musiziert und für die Laatzener Spielleute blieb die zukunftsweisende Erkenntnis: Nicht die Masse macht's, sondern die Klasse...!
Mit der Vorstellung der Brandenburger Pickelhauben im Hinterkopf traten die Laatzener Spielleute bei den folgenden Veranstaltungen nun wesentlich gelassener auf. Das bange Zittern vor jedem Auftritt ("hoffentlich klappt auch alles") wich einem selbstbewussten Optimismus ("wir sind gut vorbereitet, es kann eigentlich nichts schief gehen"). Und das neue Selbstwertgefühl sollte auch nach außen Wirkung zeigen: Das Publikum am Straßenrand und in den Schützenzelten ist begeistert vom lockeren Auftreten des Laatzener Spielmannszuges und zeigt es uns durch reichlich Applaus.
Nette Anekdote am Rande: Schützenfest in X.-Y., unsere Fünfer-Kampftruppe steht auf der Bühne und möchte beginnen, da kommt der Stabführer vom Spielmannszug B. und fragt: "Könnt Ihr uns vielleicht vorlassen? Unsere 30 Leute sind bereits vollzählig und dann könnten wir schon ´mal spielen, bis Euer Rest da ist!"
Darauf Kirsten: "Wieso Rest? Wir sind auch bereits vollzählig und wollten gerade loslegen!" Ungläubiges Staunen beim Spielmannszug B.
Doch wir legen los, und zwar wie... - Aus dem ungläubigen Staunen wird starker Beifall...
Nächstes Jahr, derselbe Ort, dieselbe Zeit, dieselbe Situation - nur mit umgekehrter Ausgangssituation: Spielmannszug B. steht mit 30 Spielleuten aufmarschbereit vor der Bühne, wir stehen noch am Tresen, um uns nach dem Ausmarsch etwas zu erfrischen. Wieder kommt es zum kurzen Gespräch mit dem Stabführer vom Spielmannszug B., doch diesmal sagt er: "Wenn Ihr möchtet, würden wir Euch gern vorlassen - Eure Leistung mit der kleinen Truppe ist Klasse!"
Gibt es eine schönere Anerkennung?
Selbst aus den Reihen der eigenen Vereinsmitglieder, die eigentlich in den letzten Jahren sonst eher skeptisch waren, kommen immer mehr Äußerungen wie "Ihr seid zwar nur ein kleiner Haufen, aber Eure Musik kann sich wirklich hören lassen!" Na, das baut doch auf! Dank Kirstens Art mit den Spielleuten umzugehen, fanden auch einige derer, die sich schon längst aufs Altenteil zurückgezogen hatten, wieder immer mehr den Weg ins Schützenhaus und zu den Auftritten. Hervorzuheben ist hier vor allem unser Ehrenstabführer Walter Schmalkuche, der selbst im Alter von 73 Jahren noch mindestens einmal im Monat zum Übungsabend erscheint und auch bei den Standauftritten immer da ist, wenn Not am (Spiel-) Mann ist. Und dann ist sich Walter auch nicht zu schade, einfach "nur" Pauke oder Becken zu übernehmen! Man merkt dieser kleinen (aber feinen) Truppe förmlich an, dass ihr das Spielen wieder Spaß macht. Auch einige Vereinsmitglieder haben dieses erkannt und sind zum Zeichen ihrer Solidarität passive Mitglieder des Spielmannszuges geworden. Es führte bereits soweit, dass wir schon mal (scherzhaft) über einen Aufnahmestopp nachgedacht haben, damit die aktiven Mitglieder nicht in die Minderheit geraten. Und damit sind wir auf unserer Zeitreise bereits wieder in der Gegenwart gelandet.Chr